Der Anfang: Einsatz von Kohlendioxid CO2 zur Gefäßtherapie
Die Geschichte der Carboxy-Therapie beginnt dort, wo Medizin noch kaum Möglichkeiten hatte, schwerwiegende Durchblutungsstörungen wirksam zu behandeln. Lange bevor Ballonkatheter, Gefäßoperationen oder moderne Medikamente zur Verfügung standen, nutzten Ärztinnen und Ärzte Kohlendioxid, um die Durchblutung schlecht versorgter Gewebe zu unterstützen. Die ersten Patienten litten nicht unter Falten oder Cellulite. Sie litten unter arteriellen Durchblutungsstörungen, offenen Beinen, schlecht heilenden Wunden und den Folgen schwerer Gefäßerkrankungen.
Heute kennen viele Menschen die Carboxy-Therapie nur noch aus der ästhetischen Medizin. Kaum jemand weiß, dass ihre Wurzeln in der Gefäßmedizin liegen – und genau das macht ihre Geschichte so faszinierend.
Eine medizinische Erfolgsgeschichte beginnt in europäischen Heilbädern
Kohlendioxid ist ein natürlich vorkommendes Gas, welches zuletzt zweifelhafte Berühmtheit als ein Hauptverursacher des Klimawandels erlangte. Es ist elementarer Bestandteil des Kohlenstoffkreislaufs. Es ist gut wasserlöslich (= Kohlensäure, z.B. im Sprudelwasser), so dass es als Nebenprodukt zusammen mit dem Quellwasser in Heilquellen aufsteigt. Dieses „Quellgas“ besteht zum allergrössten Teil aus reinem CO2.
Bereits im 19. Jahrhundert beobachteten Ärzte in den natürlichen Kohlensäureheilbädern von Royat in Frankreich sowie in Karlsbad und Marienbad, dass sich bei Menschen mit Durchblutungsstörungen die Haut besser durchblutete, Hände und Füße wärmer wurden und sich die Gehfähigkeit verbesserte. Diese Beobachtungen führten zu intensiver medizinischer Forschung und schließlich zur Entwicklung der gezielten medizinischen CO₂-Therapie, bei der das Quellgas als Bad oder über erste subkutane Injektionen appliziert wurde.
In den 1950er Jahren folgte der Durchbruch in der Schul- und Kurmedizin. Ärzte setzten CO2-Mikroinjektionen gezielt bei Wundheilungsstörungen, arteriellen Verschlusskrankheiten und chronischen Schmerzen ein. Die Injektion des Gases wurde zum Standard der Therapie.
1995 begann die Nutzung in der ästhetischen Medizin (Behandlung von Hautalterung, Cellulite und Fettansammlungen). Bis heute ist die Carboxy-Therapie Etablierter Bestandteil der naturheilkundlichen Schmerztherapie bei Gelenk- und Rückenleiden.
Für welche Erkrankungen wurde die Carboxy-Therapie ursprünglich eingesetzt?
Die ursprünglichen Indikationen lesen sich wie ein Kapitel aus der Gefäßmedizin:
- periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK, „Schaufensterkrankheit“)
- chronische arterielle Durchblutungsstörungen
- Ulcus cruris („offenes Bein“)
- schlecht heilende Wunden
- diabetische Durchblutungsstörungen
- chronische Gewebeunterversorgung
- Folgen kleiner Gefäßverschlüsse
Erst viele Jahre später wurde das Verfahren auch bei Erkrankungen des Bewegungsapparates und schließlich in der ästhetischen Medizin eingesetzt.
Warum setzte man ausgerechnet Kohlendioxid ein?
Zunächst einmal: weil es verfügbar war. Kohlendioxid tritt als Begleiter des Wassers aus Heilquellen aus . Damit war es unmittelbar dort verfügbar, an dem die Menschen ohnehin zur Heilung und Regeneration hingingen: in den Mineralquell-Heilbädern. Man beobachtete heilsame Effekte, was zunächst ungewöhnlich schien, ist CO2 ja eigentlich ein „Abfallprodukt“ des Körpers welches über die Lunge ausgeatmet wird.
Doch Kohlendioxid ist einer der wichtigsten natürlichen Regulatoren unseres Gefäßsystems. Es erweitert kleine Blutgefäße und verbessert die Mikrozirkulation. Gleichzeitig sorgt der sogenannte Bohr-Effekt dafür, dass Sauerstoff leichter aus dem Blut an das Gewebe abgegeben wird – genau dort, wo er benötigt wird. Gerade bei schlecht durchblutetem Gewebe war dieser physiologische Effekt von besonderem Interesse.
Warum kennt heute kaum noch jemand diese Geschichte?
Mit dem Fortschritt der Gefäßchirurgie, der interventionellen Radiologie und moderner Medikamente rückte die medizinische CO₂-Therapie zunehmend in den Hintergrund. Gleichzeitig gewann sie durch ihre positiven Effekte auf Haut und Bindegewebe in der ästhetischen Medizin an Bekanntheit. So geriet ihre eigentliche Herkunft und ihr Potenzial im kurativen Bereich fast in Vergessenheit.
Dabei stellt sich eine spannende Frage: Warum sprechen wir heute fast ausschließlich über ästhetische Anwendungen, obwohl die Carboxy-Therapie ursprünglich für schwerwiegende Durchblutungsstörungen und schlecht heilende Wunden entwickelt wurde?
Egal wie man sie nennt – Carboxy-Therapie, Quellgastherapie oder CO2-Schmerztheraphie – die Therapieform kann viel mehr. Der Blick in die Historie zeigt das: Behandlung von Schmerzen, Durchblutungsstörungen, Wundheilungsstörungen usw. Vielleicht lohnt sich gerade deshalb ein neuer Blick auf dieses traditionsreiche Verfahren – nicht nur unter ästhetischen Gesichtspunkten, sondern auch im Bewusstsein seiner medizinischen Wurzeln.