Natürlichkeit ist teuer…
… sagt ein altes chinesisches Sprichwort. Es klingt paradoxerweise einfach, vollkommen „natürlich“ zu sein. Doch in der Praxis erweist sich das als extrem schwierig. Es ist einer der „teuersten“ Zustände, die man erreichen kann.
In der daoistischen Philosophie stehen zwei Prinzipien dahinter: „Wu Wei“ und „Ziran“. Das Ziel ist, sich von gesellschaftlichen Zwängen, künstlichen Verhaltensmustern und dem eigenen Ego so weit zu befreien, dass man wieder völlig im Einklang mit der Natur agiert.

Was „aus sich selbst so sein“ mit Qigong, unserem Alltag und der eigenen Persönlichkeit zu tun hat
Wir leben in einer Zeit, in der Selbstoptimierung eine große Rolle spielt und oftmals schon längst über das Ziel hinaus geschossen ist. Wir optimieren unsere Arbeit, unseren Körper, unsere Ernährung, unseren Schlaf und manchmal sogar unsere Entspannung. Wir versuchen Erwartungen zu erfüllen, Rollen gerecht zu werden und gleichzeitig möglichst authentisch zu bleiben. Die Philosophie des Daoismus stellt diesem ständigen Gestalten einen bemerkenswerten Gedanken gegenüber: Nicht alles Gute entsteht dadurch, dass wir noch mehr tun. Manches entsteht, wenn wir aufhören, das Natürliche zu überformen.
Eines der zentralen Prinzipien des Daoismus heißt 自然 – Zìrán. Meist wird es mit „Natürlichkeit“ übersetzt. Doch diese Übersetzung erfasst nur einen Teil seiner Bedeutung. Zìrán – „aus sich selbst so“. Die beiden chinesischen Schriftzeichen geben bereits einen Hinweis:
- 自 zì = selbst, aus sich selbst
- 然 rán = so sein, so beschaffen sein
Zìrán lässt sich deshalb sinngemäß übersetzen als: „von selbst so sein“ oder „aus sich selbst heraus so sein“. Dabei geht es nicht um „Natur“ im Sinne von Wald, Bergen und Pflanzen. Gemeint ist vielmehr eine grundlegende Qualität des Lebens: Dinge dürfen sich entsprechend ihrem eigenen Wesen entwickeln, ohne unnötig manipuliert oder erzwungen zu werden.
Im Daodejing (eine Sprüchesammlung des Daoismus) findet sich dazu in Kapitel 25 die berühmte Abfolge:
- Der Mensch folgt der Erde.
- Die Erde folgt dem Himmel.
- Der Himmel folgt dem Dao.
- Das Dao folgt dem Zìrán.
Selbst das Dao zwingt der Welt demnach keine Ordnung auf. Seine Ordnung besteht gerade darin, dass die Dinge ihrem eigenen Wesen entsprechend entstehen und sich wandeln dürfen. Das ist eine erstaunlich moderne Vorstellung dieser Jahrtausende alten Philosophie, denn sie stellt unserer Neigung zur Kontrolle eine andere Möglichkeit gegenüber:
Ordnung kann auch aus einem System, aus sich selbst heraus entstehen.
Hier kommt der Begriff „Wúwéi“ ins Spiel: handeln, ohne zu erzwingen, oder auch: nichts tun und dennoch geschieht alles! Lass den Ursprungsgeist aus sich selbst heraus für dich wirken (Wer bei mir dem Qigong Unterricht folgt kennt diese Weisheit bereits!). Wúwéi ist im Daoismus eng mit dem Begriff Zìrán verbunden.
Wúwéi wird, wie bereits beschrieben, häufig als „Nicht-Handeln“ oder „Geschehen lassen“ übersetzt. Das klingt zunächst nach Passivität und wird oft falsch verstanden. Gemeint ist etwas anderes: „nicht unnötig eingreifen“, „nicht gegen den natürlichen Verlauf arbeiten“, „nicht verbissen mit Gewalt erzwingen“. Wúwéi bedeutet also keineswegs, nichts zu tun. Es bedeutet vielmehr, im Einklang mit der ureigenen Intuition im Hier und Jetzt angemessen und authentisch zu handeln. Immer mit sehr viel Achtsamkeit und in Rückverbindung mit dem Soma!
Vielleicht könnte man sagen:
- Zìrán beschreibt die Natürlichkeit des Geschehens.
- Wúwéi beschreibt die Kunst, diese Natürlichkeit nicht unnötig zu stören.
Das klassische daoistische Sinnbild dafür ist Wasser: Wasser kämpft nicht gegen einen Felsen. Es umfließt ihn. Es passt sich seiner Umgebung an, ohne seine eigene Natur zu verlieren. Es ist weich und nachgiebig und kann dennoch eine enorme Kraft entwickeln.
Zìrán im Qigong – wenn aus Technik Natürlichkeit wird
Im Qigong lässt sich dieses Prinzip unmittelbar körperlich erfahren. Wenn wir eine neue Bewegung lernen, brauchen wir zunächst körperliche Kontrolle und Schulung des Körperbewusstseins (Propriozeption): Wie stehen die Füße? Wie bewegen sich die Arme? Wann atme ich ein und aus?
Das ist sinnvoll. Aber es ist nicht das eigentliche Ziel. Mit zunehmender Übung sollte die bewusste Kontrolle wieder zurücktreten. Die Bewegungsabläufe werden vertrauter und laufen wie von alleine ab. Der Atem findet seinen Rhythmus im Zusammenspiel mit der Bewegung. Der Körper organisiert Bewegungsabläufe zunehmend selbst. Irgendwann entsteht vielleicht das Gefühl: Ich mache die Bewegung nicht mehr nur – ich lasse sie geschehen.
Auch Entspannung funktioniert ähnlich. Der Satz „Ich muss mich jetzt entspannen!“ enthält bereits wieder Anstrengung. Daoistischer wäre: „Ich schaffe Bedingungen, unter denen Entspannung entstehen kann.“ Qigong wird damit zu einer praktischen Erfahrung von Zìrán und Wúwéi: zunächst lernen und üben – und anschließend immer weniger erzwingen.
Alltag und Beruf – handeln, ohne ständig gegen den Strom zu arbeiten
Vielleicht wird das daoistische Prinzip noch interessanter, wenn wir die Übungsmatte verlassen. Unser Alltag ist häufig vom Gegenteil des Wúwéi geprägt. Wir versuchen Abläufe zu kontrollieren, Menschen zu überzeugen, Erwartungen zu erfüllen, Schwierigkeiten möglichst schnell zu beseitigen und mehrere Dinge gleichzeitig zu bewältigen. Natürlich müssen wir handeln, entscheiden und Verantwortung übernehmen.
Der Daoismus fordert nicht dazu auf, sich daraus zurückzuziehen. Er stellt vielmehr eine andere Frage: Wo ist mein Handeln tatsächlich notwendig – und wo erzeuge ich durch übermäßiges Optimieren und Kontrollieren zusätzlichen Widerstand? Manchmal braucht eine Situation entschlossenes Handeln. Manchmal braucht sie Geduld. Manchmal müssen wir etwas verändern. Und manchmal müssen wir akzeptieren, dass sich etwas gerade nicht verändern lässt. Wúwéi bedeutet achtsam und präsent zu sein, diesen Unterschied wahrzunehmen und damit intuitiv individuell umzugehen. Das ist etwas völlig anderes als falsch verstandene Passivität. Es ist situationsgerechtes Handeln ohne unnötigen inneren Widerstand.
Auch im Beruf kann das bedeuten, nicht jede Aufgabe mit maximalem Kraftaufwand zu lösen. Nicht jedes Problem muss sofort beantwortet werden. Nicht jede Entwicklung lässt sich beschleunigen. Manchmal entsteht eine bessere Lösung, wenn wir einen Schritt zurücktreten.
Persönlichkeit und Authentizität – wieder mehr „aus sich selbst heraus“ sein
Vielleicht liegt hier die persönlichste Dimension von Zìrán. Von Kindheit an lernen wir, wie wir sein sollen. Wir übernehmen Erwartungen unserer Familie, unserer Umwelt und unserer Kultur. Wir entwickeln Rollen: die Vernünftige, der Leistungsfähige, die Hilfsbereite, die Starke, der Angepasste, der Erfolgreiche….etc. Viele dieser Rollen sind notwendig und sinnvoll. Problematisch wird es erst, wenn wir irgendwann nicht mehr unterscheiden können: Was gehört tatsächlich zu mir – und was habe ich gelernt zu sein?
Zìrán bedeutet nicht, gesellschaftliche Regeln abzuschütteln und einfach jedem Impuls zu folgen. Auch spontane Impulse können aus Angst, Gewohnheit oder alten Schutzmechanismen entstehen. Der daoistische Gedanke geht tiefer: Vielleicht müssen wir unser „wahres Selbst“ gar nicht ständig erschaffen. Vielleicht geht es manchmal eher darum, etwas wegzulassen. Alte – oftmals übernommene – Verhaltens- und Denkmuster wahrnehmen und je nachdem auch loslassen.
Das hat Folgen: Weniger Anpassung. Weniger Selbstinszenierung. Weniger Vergleichen. Weniger „So müsste ich eigentlich sein“. Weniger krampfhafte Selbstoptimierung. Mehr Natürlichkeit! Im Daodejing findet sich hierzu sinngemäß der wunderbare Gedanke: Beim Lernen kommt täglich etwas hinzu. Beim Dao kommt täglich etwas weg.
Das kann man auch psychologisch lesen. Persönliche Entwicklung muss nicht ausschließlich bedeuten, immer mehr Fähigkeiten, Techniken und Eigenschaften anzusammeln. Sie kann auch bedeuten: Schicht für Schicht etwas von dem abzulegen, was wir nicht mehr brauchen und was wir nicht sind!. Und dadurch vielleicht wieder näher an das heranzukommen, was wir in unserem ursprünglichen Wesenkern sind.
Natürlichkeit bedeutet nicht Stillstand – Aber Natürlichkeit ist teuer, in dem Sinne, als dass der Weg dahin oftmals viele Jahre in Anspruch nimmt, viel Geduld und Entwicklung auf mehreren Ebenen von einem fordert, denn das Dao beinhaltet Bewegung und Wandlung. Auch Yin und Yang sind keine starren Gegensätze, sondern gehen fortwährend ineinander über: Spannung ↔ Entspannung / Aktivität ↔ Ruhe / Öffnen ↔ Schließen / Festhalten ↔ Loslassen / Nähe ↔ Rückzug / Tun ↔ Geschehen lassen.
Natürlichkeit im daoistischen Sinne bedeutet Wandlungsfähigkeit. In moderner Sprache könnte man von psychophysiologischer Flexibilität oder Elastizität sprechen: Ein gesund regulierendes System kann sich aktivieren, wenn Aktivierung gebraucht wird – und anschließend wieder in Ruhe und Regeneration zurückfinden.
Vielleicht gilt etwas Ähnliches für unsere Persönlichkeit. Authentizität bedeutet dann nicht: „Ich bin eben so.“, sondern: „Ich kann mich verändern, ohne mich dabei selbst zu verlieren.“ Weniger werden – und dadurch mehr man selbst sein? Vielleicht ist das die überraschendste Botschaft von Zìrán.
Unsere Kultur verbindet persönliche Entwicklung häufig mit einem Mehr: mehr Wissen, mehr Leistung, mehr Disziplin, mehr Selbstoptimierung. Der Daoismus stellt dem eine andere Bewegung gegenüber: Weniger. Weniger erzwingen. Weniger kontrollieren. Weniger gegen sich selbst arbeiten. Weniger versuchen, jemand zu sein. Das bedeutet keineswegs, Entwicklung aufzugeben. Vielleicht entsteht gerade dadurch eine andere Form von Entwicklung:
Nicht immer mehr werden zu müssen – sondern immer selbstverständlicher das zu werden, was man aus sich heraus bereits ist. Im Sein verwurzelt sein wie ein Baum – „Stehen wie eine Kiefer“ (bekannte Übung aus dem Qigong). Vertrauen ins Sein und in sich selbst gewinnen.
Im Qigong kann daraus eine natürlichere Bewegung entstehen. Im Alltag vielleicht ein gelasseneres Handeln.
Im Beruf möglicherweise die Fähigkeit, Kraft gezielter einzusetzen. Und in unserer Persönlichkeit vielleicht etwas besonders Wertvolles: Authentizität. Zìrán erinnert uns daran, dass nicht alles Wesentliche hergestellt werden muss. Manchem müssen wir lediglich wieder Raum geben. 自然 – Zìrán: aus sich selbst heraus so sein.